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Autismus

Alltägliches
(Beitrag in Zusammenarbeit der Roschinski Brüder mit dem White Unicorn e.V.)

Die Wahrnehmung unterscheidet sich bei Autisten zu Nicht-Autisten sehr. Dies macht sich im Alltag bemerkbar. So unterschiedlich Autisten vom Charakter her sind, so verschieden sind auch Anzahl und Intensität der auftretenden Barrieren und der Umgang damit. Was hier aus dem Alltag von Autisten erzählt wird ist eher als beispielhaft zu betrachten, auch wenn sich bestimmt einige darin wieder finden oder Eltern ihre Kinder darin erkennen. Was hier beschrieben wird kann aber auch gar nicht oder nur teilweise so sein. Der Alltag kann im Erleben auch gänzlich anders aussehen. 

Für einen Teil der Autisten gleichen manche Tage ein wenig einem Puzzle z.B. beim Tisch decken. Es ist nun beim Tisch decken wie beim Puzzlen. Ist genügend Zeit und Ruhe, macht das Puzzlen große Freude. Mit viel Liebe und Geduld wird Teil für Teil zusammen gebaut. Doch kommt es zu Druck, Stress, Eile und Hektik, macht Puzzlen dann deutlich weniger Freude, oder es gelingt gar nicht mehr und wird auf wann anders verschoben. Müsste man unter großem Zeitdruck das Puzzle bauen, dann wäre es am besten, wenn alle Teile schon vor sortiert wären, damit man sie möglichst schnell und effektiv zusammen bekommt. Dann macht es vielleicht auch eine Weile Spass. Anders möglich wäre es dann aber nicht mehr. Aber selbst mit der besten Sortierung und Strategie wünscht man sich dann allerdings doch irgendwann, mal wieder  richtig gemütlich puzzlen zu können. So, wie man eigentlich gern puzzlet. Beim Tisch ist es ebenso. Steht man nun unter all der Anspannung durch Reizüberlastung z.B. ist es dann in dem Moment Halt gebend, wenn alles schon mal gemacht wurde, man weiß wo was liegt. Auch ist es dann leichter, wenn alles vom Ablauf genau gemacht wird wie immer, denn dann fließt das Ganze fix dahin. So kann man ohne nach zu denken alles zügig erledigen. Auf Dauer ist es allerdings sinnvoll, wenn man das auf diese Weise eher gelegentlich macht. Eben wenn es mal sein muss. Ansonsten kann man dann einfach in Ruhe gemütlich den Tisch decken, wie beim Puzzlen und nicht alles unter Hektik abläuft.

Puzzlen am gedeckten Tisch

   

Könnten Sie das Puzzle in 5 Minuten zusammensetzen, wenn nur die Rückseite der Puzzleteile zu sehen ist? Wohl eher nicht! Beim Puzzlen orientiert man sich ja gewöhnlich sehr am Bild der Vorderseite, die Form des Teils allein ist für uns eher nicht aussagekräftig, oder auch doch? So mancher Autist antwortet hier mit: ja doch. Für einige ist auch das an sich unbedeutende Detail der Form genauso wichtig, wie das ins Auge springende Bild der Vorderseite. Es erscheint dann auch ein kleines Detail als ebenso wichtig, wie alles andere. Oft sind dann sogar gerade die Randerscheinungen das Wichtigste, mit Liebe zum Detail. Am Beispiel eines gedeckten Tischs kann man diesen Zug gut nachvollziehen. Teller, Untertassen, Tassen, Besteck, Servietten ... all das will an seinen richtigen Platz gelegt werden - und soll auch noch in kürzester Zeit passieren. Und genau dies ist bei all der Liebe zum Detail bisweilen ein Haken. Unter hoher Belastung soll schnell etwas geschehen. Aber was ist nun der wichtige Teil, was ist der richtige Platz? In der Fülle der Details ist eine gute Sortierung Gold wert, denn dann kann auch das kleinste Detail beachtet werden - was aber durchaus so manche Übung und Anstrengung bei all dem Stress voraus setzt. 

Das ist so beim Tischdecken. Die vielen kleinen Teile, die für einen gedeckten Tisch von Nöten sind, werden übersehen, zumindest manche, und finden einfach nicht den richtigen Platz - in all der Eile.

  Tipp: In der Ruhe liegt die Kraft! Eile - mit Weile! Dann kann ein Tisch auch bis ins kleinste Detail wundervoll aussehen zuletzt. Und manch einem Gast fällt erst hinterher auf, mit wie viel Liebe eigentlich sogar der Schnabel der gefalteten Serviette gestaltet wurde.

Alltag als Perlenkette

Manchmal erscheint es bei Autisten, als müsste alles im Alltag ritualisiert sein. Diese Klarheit ist auch bisweilen praktisch und auch sinnvoll. Aber nicht immer. Es kommt häufig vor, dass diese Struktur und strikten Perlenketten den letzten Anker bilden und sie dann als "Ketten" empfunden werden. Sie helfen dann lediglich unter hoher Belastung überhaupt noch zu funktionieren... irgendwie. Diese klare Ordnung muss dann unbedingt aufrecht erhalten werden, weil alles zu zerfallen scheint. Wie Perlen die zerstreut herum liegen, manche sind schon gar nicht mehr zu finden. Um einen Überblick zu behalten werden sie am besten auf gefädelt. Dies verhindert selbst nachdenken zu müssen, sich an der Struktur der Kette entlang hangeln zu können, um in der von Reizen geprägten Umgebung das tun zu können, was man möchte - oder auch muss.

Für manch einen Autisten ist es somit eher ein Vergnügen, mit Perlen zu spielen. Der Tagesablauf ist wie Perlen und manchmal werden diese zu einer Kette zu gestaltet, weil es gefällt. Manchmal spielt man auch anders mit den Perlen, wie man es möchte. Andere hingegen stehen unter so hoher Belastung, dass es keinerlei Verwandschaft mehr mit einem Spiel hat - es wird hier zum Zwang unter Erschöpfung. Alle gemeinsam haben sie, dass dabei der Tagesablauf genau durchstrukturiert ist, ob nun eher spielerisch, oder weil nichts mehr anderes übrig zu bleiben scheint. Änderungen oder Unvorhergesehenes können dann komplett aus der Bahn werfen. Ist es eher eine spielerische Kette, fädelt man sie fix wieder neu und / oder anders. Deshalb wird bei unplanmäßigen Ereignissen oft nach der Dauer gefragt. Ist die Belastung relativ hoch fühlt sich die zu erledigende Arbeit dann allerdings erdrückend an, auch wenn Routine Sicherheit gibt.

Der Tagesablauf gleicht einer Perlenkette, jede Perle steht für etwas Bestimmtes und alle Perlen sind in einer festgelegten Reihenfolge angeordnet. Manchmal, ist die Perlenkette eher ein Anker in der Not, ist es nicht möglich die Perlen einfach zu tauschen: z.B. zu sagen ich frühstücke erst und gehe dann ins Bad und zieh mich an. Auch wenn ein Termin sich verschiebt, z. B. man fährt 10 Minuten früher zum Training, um vorher noch den dringend benötigten Klebestift zu besorgen, kann das zum Chaos führen. Selbst wenn der ungeliebte Zahnarzttermin ausfällt, können Probleme auftreten. Um den Tagesablauf zu ändern, müssen - bildlich gesprochen - alle Perlen abgefädelt, die neuen Perlen dazwischen gefädelt und die anderen in der alten Reihenfolge wieder aufgefädelt werden. Das dauert! Und kostet Kraft! Deshalb kann diese Prozedur auch nicht so oft hintereinander durchgehalten werden. Denn sonst reißt die Perlenkette und alles ist durcheinander, und das Chaos regiert.

Häufig kündigen Autisten jede kleine, noch so selbstverständliche Handlung an - häufig mit einem unsicheren, fragenden Ton: z.B. "Ich nehme mir einen Joghurt.", "Ich wasche mir jetzt die Hände". Diese Handlungen sind in der Perlenkette nicht vorgesehen und deshalb eigentlich nicht möglich. Sie brauchen die Bestätigung das dieses Tun richtig ist - und wollen die Familie nicht nerven. Sie sind einfach unsicher. Auch weil das Verständnis für diese Zusammenhänge der Perlenketten-Tagesstruktur oft fehlt.

  Tipp: Überlegen Sie sich ob der Tagesablauf wirklich geändert werden muss und respektieren sie die Fragen nach der Dauer von Ereignissen ihres Kindes. Kündigen Sie Veränderungen so früh wie möglich an (am besten mit einer nachvollziehbaren Erklärung - nicht nur "Ich will noch zu Aldi", sondern besser "morgen möchte ich einen Kuchen backen, dann müssen wir aber 10 Minuten früher fahren, um bei Aldi noch Butter zu besorgen" - dann bitte auch keinen Großeinkauf machen, sonst wirkt man unglaubwürdig) - Sollte die Perlenkette eher wie eine "Kette" wirken, sind vermutlich die Belastungen durch Barrieren zu hoch. Mit Perlen sollte man spielen - nicht unter Ketten leben müssen.

Kleidung

Kleidung hat für Autisten oft eine besondere Bedeutung:

  • sie muss bequem sein
  • sie gibt Schutz vor der Umwelt
  • sie muss bekannt sein und / oder gefallen von der Optik her
  • das Material muss angenehm auf der Haut zu tragen sein
  • es darf nicht zu abwechslungsreich sein
  • die Auswahl muss nicht groß sein
  • sie muss leicht erreichbar sein (ich ziehe möglichst das an was oben liegt)
  • Unser Bruder schließt z. B. immer den oberen Knopf am Hemd oder trägt Pullover, die man am Hals zumachen kann. In der Schule oder im Umgang mit anderen Menschen wird man ihn kaum anders sehen. Fühlt er sich aber wohl, dann öffnet er seinen Knopf oder Reißverschluss. Dies passiert aber fast nur zu Hause und ist für uns ein Maß seines Befindens. Er braucht sich dann nicht zu schützen.

Jeder möchte sich in seiner Kleidung wohl fühlen. Bei Autisten reichen da oft wenige Teile aus. Zu viele verwirren sie. Als Eltern muss man lernen, dies zu akzeptieren. Zwei Hosen, vier Oberteile, zwei Schlafabzüge – dass reicht. (Manche hätten auch gern mehr: vier oder fünf). Man kann auch zwei die gleichen Teile oder bereits für die Zukunft als Vorrat verschiedenen Größen kaufen. Dies spart dann Probleme in der Zukunft. Bei wenigen Teilen im Schrank muss man zwar öfter waschen, aber wenige Teile zu kaufen schont den Geldbeutel. Wie viel Eltern müssen mit ihren Kindern diskutieren, weil diese doch unbedingt noch den zwanzigsten Pulli brauchen. Diese Diskussionen bleiben einem bei Autisten bisweilen erspart.

Ein großes Problem tritt jedoch auf, wenn man neue Kleidung braucht. Dies ist oft Stress pur für alle Beteiligten. Wir haben einige Tipps zusammengestellt:

  • den Kauf rechtzeitig ankündigen
  • es muss schnell gehen, darum vielleicht schon vorher im Geschäft schauen, ob etwas Passendes dabei sein könnte
  • das Kind mit aussuchen lassen, auch wenn es noch klein ist
  • bei Gefallen zwei gleiche Teile und/oder ein größere Größe kaufen
  • im Katalog etwas mit dem Kind aussuchen, dann kann man auch zu Hause anprobieren
  • kein Teil aufzwängen, dass führt doch nur zu Konflikten
  • für den Einkauf Zeit einplanen, mit Problemen rechnen und möglichst ruhig bleiben
  • das Kind von der Notwendigkeit neuer Kleidung überzeugen. Wenn es selbst spürt, dass die Jacke zu klein ist, dann versteht es eher, dass es eine neue braucht. Man muss dann aber auch akzeptieren, dass das Kind die enge Jacke noch etwas tragen wird, da sie für sie noch nicht zu klein ist. Sie gibt vielleicht besonderen Schutz weil sie eng ist.
  • Sich von eigenen Vorstellungen verabschieden: was von Eltern als schön empfunden wird, finden alle Kinder meist nicht als schön – was modern ist, daran gewöhnen sich Eltern meist noch, da ja viele es tragen. Aber Autisten sind nicht wie viele – auch nicht in ihrer Kleidung. Sie haben oft einen eigenen Geschmack und man kommt ruhiger durchs Leben, wenn man diesen akzeptiert.

Sind Kerzen gemütlich?

Kerzen stehen im Allgemeinen für Gemütlichkeit: Ein schöner Abend mit Kaminfeuer, Kerzenschein und ein paar Knabbereien - auch zu einem guten Essen gehören ein paar schöne Kerzen auf den Tisch. Bei einem Autisten kann das manchmal ganz anders aussehen. Der schöne Kerzenschein wird dann zum grellen Scheinwerfer, der blendet und Kopfschmerzen bereitet, und wenn die Kerze auch noch flackert, dann ist das Unwohlsein vorprogrammiert.

Dies tritt aber nicht nur bei Kerzen auf, sondern im gesamten Alltag. Strahlender Sonnenschein wird nicht als schön empfunden, sondern die Strahlen, die überall reflektiert werden, z.B. auf Blättern, Fenstern, Autos, Wasser, hellen Flächen, werden zu grellen Strahlen, die Augen- und Kopfschmerzen verursachen. Oft hilft dann noch nicht einmal eine Sonnenbrille oder eine Schirmmütze. Diese Autisten bleiben am liebsten in einem abgedunkelten Raum. Selbst in der Dämmerung, wenn die ersten Lampen angehen, ist dies noch aktuell.

Von daher ist es wichtig, dass man jenen die das so mögen diese Individualität auch lässt. Auch wenn dies für manche Eltern schwer zu verstehen ist, so ist es für das Kind selbst in der Tat wesentlich angenehmer mit Vorhängen und gedimmten Licht. Manche Kinder mögen auch sehr gern die LED-Girlanden, die am Rand des Zimmers befestigt für einen sanften Schein sorgen, der nicht in den Augen schmerzt und dennoch den Raum erhellt.

  Tipp: Das Missverständnis liegt vermutlich auch viel darin, dass davon aus gegangen wird, mit dem wenigen Licht nichts sehen zu können. Doch dem ist nicht so. Es reicht um alles zu erkennen und richtig zu sehen, wie andere eben bei "grellem" Licht. Ein enormer Vorteil davon ist, dass in vermeintlicher "Dunkelheit" sehr wohl noch vieles gesehen wird, was laut der Eltern dann "Einbildung" sei. Manchmal ist es wichtig sich von solchen Vorstellungen zu verabschieden. Diese Kinder sehen dann wirklich noch etwas, empfinden es gerade als angenehm, wo manche Eltern "im Dunklen tappen".

Wir kaufen Sahne

Sahne ist ein Naturprodukt. Jede Molkerei produziert Sahne und verpackt sie. Jede in einen anderen Verpackung: mal als Tetrapack, mal als Becher. Jede Verpackung sieht anders aus, aber überall ist Sahne drin. - Für Normalos ist Sahne halt die weiße Flüssigkeit in der Verpackung. Aber für Autisten ist Sahne oftmals etwas komplett anderes.

Sie sehen Sahne und die Verpackung (evtl. auch der Aufbewahrungsort und/oder der Platz im Laden) untrennbar als eine Einheit. Für sie ist Sahne nicht nur weiß und flüssig, sondern hat eine braune Verpackung mit roter Schrift, steht unten links im Vorratsregal und im Laden rechts neben dem Notausgang. Wenn sie nun Sahne holen sollen, so finden sie Sahne eben nicht im Regal, wenn sich die Verpackung geändert hat, die bevorzugte Verpackung nicht vorrätig ist, oder gar geschlagen im Kühlschrank steht. 

Für sie ist Sahne eben mehr, als nur der bloße Inhalt.
Bisweilen kommt es auch auf die Herstellungsverfahren und Tierhaltung, sowie viele andere Details an. Hier reicht es dann bisweilen, dass sie im Bio-Regal zu finden ist, unabhängig davon wie sie aussieht. Aber was tun, wenn es überhaupt keine Bio-Sahne gibt? Diese Frage stellt sich manchmal als knifflig heraus.

  Tipp: Kaufen Sie auch mal Sahne in einem anderen Geschäft, mit einer anderen Verpackung und weisen sie ihre Kinder auf die verschiedenen Formen und Verwendungsmöglichkeiten hin. Aber selbst wenn es dann bei Sahne funktioniert, heißt es noch lange nicht, dass es mit Schmand oder Milch oder auch nur mit einer neuen, unbekannten Sahneverpackung klappt. Manchmal hilft auch eine alternative Einkaufsmöglichkeit, wie etwa bestellen, damit immer genau das eine vorrätig ist. Einige Kinder können sich auch auf Alternativen einlassen, wenn sie vorher bekannt ist. (wir kaufen jetzt Sahne und wenn es die nicht gibt für die Soße, dann gibt es Fischstäbchen, oder ein anderes Lieblingsgericht).

Überraschungen

Mit Überraschungen ist es bei Autisten so eine Sache. Manchen macht die Überraschung, das Nicht-Wissen was man bekommt oder wohin der Ausflug gehen soll, so einen Stress, dass sie sich nicht mehr freuen können. Die Anspannung ist einfach zu groß. Wenn es dann soweit ist, dann können sie die Überraschung nicht mehr geniessen. Sagt  man allerdings vorher, was man schenkt, oder wohin der Ausflug geht, dann kann die Vorfreude genossen werden, bei Groß und Klein. So kann sich ganz darauf gefreut werden, ohne Quengeln der Kinder, denn sie sind dann zufrieden. Und wenn es dann soweit ist, dann ist dieFreude umso größer.

An diese Eigenart muss man sich sicherlich gewöhnen, denn im Allgemeinen möchte man ja jemanden überraschen. Hier liegt das Geschenk in der Vorfreude, dem Tag / Päcken selbst dann wenn es so weit ist.


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