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Autist - Sein
 
Autismus ist ein Wort, das für Menschen verwendet wird, die eine hochempfindliche, andersartige Reizverarbeitung über Sinneseindrücke bis in's Soziale hin aufweisen. Autisten unterscheiden sich in der Wahrnehmung, sowie auch der Denkstruktur, von der Mehrheit der Bevölkerung deutlich, als gesunder Teil menschlicher Vielfalt [1]. Die daraus resultierende Neurodiversität kann als natürliche Variation einer Minderheit gesehen werden.[2]
 
Autismus als kulturelles Konstrukt zu betrachten, heißt: es ist unsere Kultur, die ein bestimmtes Verhalten zu einem Problem werden lässt. Und nur in einer solchen Kultur gibt es Autist_innen. [3] Die Lebensweise, die gesellschaftlichem Konsens entspricht, hat für autistische Menschen zur Folge in Sozialräumen auch durch Menschen-Geschaffene Barrieren behindert zu werden. Diese sind beispielsweise Lärm, bestimmte akustische Frequenzen, unnatürliche Umgebung, künstliches Licht, fehlender Schatten, hektische Bewegungen, manche Veränderungen in gewohnten Umgebungen, Berührungen, starke Ungewissheit und nicht zuletzt Zwänge gegen die eigene Natur zu Sein handeln zu müssen, ab frühester Kindheit.[4]
 
Es gibt eine Art Ruhezustand. Aus diesem heraus ist eine hohe Toleranz gegenüber vielen Barrieren wie Veränderung, Unvorhergesehenem und mancher sozialen Interaktion möglich. Dieser Ruhezustand ist den wenigsten bekannt, weshalb er auch in unseren Modellprojekten im Kindertagesbetreuungsbereich, dem Übergang Kita-Schule sowie Schule selbst nun verdeutlicht werden soll. Damit dieser gelebt werden kann, sind geeignete Voraussetzungen zu schaffen, wie etwa auf stimmige Rahmenbedingungen zu achten. Werden die Bedingungen näher beleuchtet, die notwendig sind um den Ruhezustand herzustellen, so kann es sogar gelingen den autistischen Kindern das Recht auf Bildung menschenwürdig zu ermöglichen. Ein gesunder Autist wirkt lediglich anders, authentisch autistisch.
 
Da nicht wie in der UN-Behindertenrechtkonvention [5] beschrieben ein Universellen Designs umgesetzt wird, bedeutet es für die Autisten einen Teufelskreis an Überlastung unter den Barrieren existieren zu müssen. Die starren Strukturen werden als unauflösbar suggeriert. Anstelle einer Auflösung treten immer weitere neue Erwartungen wie Desensibilisierung von Barrieren und immer mehr Kompensationsstrategien - was ausgeschlossen ist zu realisieren. Über Jahre hinweg versuchen die Kinder sich anzupassen, was ihnen als Notwendigkeit vermittelt wird und nach einer oft jahrelangen latenten Ausprägung kommt es zum Zusammenbruch, die Depression ist geboren [6]. Ähnlich im Verlauf zeigen sich stark verstörende Ängste, eine Beeinträchtigung des Schlafes sowie der kognitiven Fähigkeiten um einige Bsp. eines nervösen Erschöpfungszustandes zu nennen [7], durch die Unmöglichkeit auszubrechen aus eigener Kraft, da z.B. Schulpflicht existiert - allerdings keine barrierefreie Sozialraumgestaltung, weder im Räumlichen, noch im Pädagogischen.
 
Dabei sind die für Autisten typischen neuronalen Verbindungen im Gehirn, mit der daraus resultierenden hochsensorischen Begabung sehr wertvoll. Man weiß heute, dass autistische Gehirne schneller reagieren und intensive sensorische Impulse deutlicher wahrgenommen werden, es werden mehr Impulse als durchschnittlich verarbeitet, sie werden besser gespeichert, behalten und detailliert erinnert. Durch die immense Barrierelast geht diese Begabung vollständig verloren und es kommt zu einer Reihe negativer Vorkommnisse im Leben der autistischen Kinder.[8]
 
Hinzu kommen dann oft, leider auch bereits im Kleinkindalter durch die dauerhafte Überlastung, die immer wieder als dringend notwendig durch die Umgebung vermittelt wird,  Selbstverletzendes Verhalten, Einnässen und andere schwerwiegenden Folgen des vegetativen Nervensystems, Sprach- und Motorikversagen, Apathie, eine zum Teil sogar chronische Immunschwäche und vieles mehr. Mit starr wirkender Ordnung versucht so manches Kind hier irgendwie Halt zu finden unter diesen schweren Belastungen dem es ausgesetzt ist. Die Kompensationsmechanismen werden hier oft beständig wiederholt, stundenlang - können aber diese Reiz-Hölle die es für das Kind in so einem Moment darstellt nicht ausgeleichen.  Je tiefer die Kinder im Spektrum sind, je mehr Barrieren sie gegenüber stehen, je eher kommt es auch nach sehr kurzer Zeit bereits zu genannten Symptomen der Überlastung. Nicht selten wird dies begleitet von Akuten Belastungsreaktionen die in einer dauerhaften Posttraumatischen Belastung [9]enden können, wenn die auslösenden Umstände nicht geändert werden. Immer wieder versuchen diese Autisten sich massiv zur Wehr zu setzen gegen diese Art der Fehlbehandlung oder zu fliehen, was dann mangels besserem Wissen um die Bedürfnisse von Autisten "Fremdaggression mit Weglauftendenzen” genannt wird. 
 
Somit ist es ein großer Teil  der Projekte unseres Vereins, die Aspekte von Menschenwürde, denn die Würde des Menschen ist  nach dem Grundgesetz unantastbar, sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt [10] und Menschenrechten, wie sie als Rechte und Freiheiten per Konvention definiert sind, [11] zu betrachten. Es ist ein Anliegen zu erläutern und verständlich zu machen, woran zu erkennen ist, dass ein Kind Stigmatisierung und Pathologisierung ausgesetzt ist und somit gezwungen wird ein menschenunwürdiges Leben zu durchleiden, was zudem verstärkt wird, wenn die autistischen Kinder Gefahren ausgesetzt sind.
 
Wir möchten aufzeigen, dass Überlastungen (engl. Overload), Nervenzusammenbrüche (engl. Shutdown/Meltdown) mit völliger Isolation, sowie Wutausbrüchen und Inputsperren, mit oft schweren Folgen für Körper, Psyche und Seele vermeidbar sind. Ziel ist es eine Lebensumgebung zu schaffen, die menschenwürdig ist, da sie Überlastungen (engl. Overload) für Kinder vorausschauend mildert oder gar verhindert - und ein Leben im Ruhezustand ermöglicht. Mit entsprechenden Kenntnissen wird erkennbar, was die Kinder brauchen, um von kurzfristiger Überlastung zurück in den Ruhezustand zu gelangen.
 
Die Lebensbedingungen sind somit in einer Autismus-phobischen Gesellschaft welche Umstände schafft die für Autisten nicht erträglich sind, unzumutbar.[12] Dies v.a. auch deshalb, da Autismus als Begriff für eine neurologische Veränderung in Form eines menschlichen Seins, im Rahmen menschlicher Diversität [13] zu verstehen ist. Autisten sind Menschen die Bestandteil einer gesunden neurologischen Vielfalt sind, die in erster Linie das Recht auf eine freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit bedürfen, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen.[14]
 
 
Einzelnachweise

1 What is Neurodiversity?. National Symposium on Neurodiversity at Syracuse University. 2011. 
2 Nick Walker: Julia Bascom (Hrsg.): Loud Hands: Autistic People, Speaking. The Autistic Press, Washington, DC 2012
3 COLIN MÜLLER: http://autismus-kultur.de/autismus/autipedia/autismus.html
4 ESH: http://autisten.enthinderung.de/kollision/
5 UN BRK: https://www.behindertenrechtskonvention.info - Stand 26.10.2016
6 GIGER-BÜTLER: Endlich frei: Schritte aus der Depression – 15. April 2013
7 DR. MÄSER: http://www.psychiater-psychotherapie.com/?p=1153&lang=de
8  Markrams: Markram, K. & H. (2010): The Intense World Syndrome - a unifying theory if the neurobiology of autism, in: Frontiers in Human Neuroscience
9 ICD10, F43.0/1 AKUTE BELASTUNGSREAKTION: http://www.dimdi.de/static/de/klassi/icd-10-who/kodesuche/onlinefassungen/htmlamtl2016/block-f40-f48.htm
10 GRUNGESETZ: https://dejure.org/gesetze/GG/1.html
11 EUROPÄISCHE MRK: https://dejure.org/gesetze/MRK
12 Autism as a Natural Human Variation: Reflections on the Claims of the Neurodiversity Movement. Linköping University, 2014
13 THEUNISSEN 2014, S. 16
14 Aspies e.V.: https://www.aspies.de/ueberuns_ziele.php

 


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