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Autisten - Empfindlich oder stumpf?
 
   
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(Beitrag in Zusammenarbeit von Amy Rose (Illustratorin, Koautorin) und dem White Unicorn e.V.)
 
Dr. Asperger veröffentlichte seine Studien 1944. Der frühkindliche Autismus wurde bereits 1943 von Leo Kanner beschrieben. Die von ihnen beschriebenen Erkenntnisse werden heute als das Autismus-Spektrum definiert. Die Konzentration der folgenden Seiten liegt auf der speziellen Wahrnehmung von Autisten, als gesunder Teil menschlicher Vielfalt, wie es in der heutigen Wissenschaft langsam Beachtung findet.
 
Viele Autisten sehen, hören, riechen und erleben die Welt ganz anders als nicht-autistische Menschen. Sie nehmen Gerüche wahr, die bei anderen Menschen untergehen. Sie sehen und nehmen Dinge wahr, die für andere vollkommen nebensächlich sind. Sie nehmen Geräusche besonders intensiv wahr, die Nicht-Autisten gar nicht beachten. Und so gibt es noch viele andere Wahrnehmungsaspekte, in denen sich Autisten von Nicht-Autisten unterscheiden, die sich im Alltag bemerkbar machen.  Dass einzelne Wahrnehmungsaspekte nicht auch bei Nicht-Autisten auftreten können, ist nicht ausgeschlossen. Durch die Hochsensibilität und verschiedenartige Wahrnehmung der sensorischen Bereiche können aber bei Autisten genau diese Geräusche z.B. zu einer Barriere und ein zu viel an Körperkontakt zur Folter werden.
 
Kurz gesagt: Die Welt der Autisten ist in vielen Aspekten komplett anders als jene der Nicht-Autisten. Und doch leben wir alle auf dem gleichen Planeten. Die autistische Welt ist nicht schlechter oder besser als jene der Nicht-Autisten. Wenn wir lernen unsere Sichtweisen der Welt zu kennen und zu verstehen, können wir viel voneinander lernen. Darum haben wir versucht die Empfindungswelt der Autisten für Nicht-Autisten verständlich zu machen. Gehen Sie mit uns auf eine Entdeckungsreise und lassen Sie sich überraschen.
 
 Autist/inn/en und Hochsensorik
 
Desensibilität ist ein Produkt von Hochsensibilität. Empfindungsmechanismen werden neurologisch ausgeschaltet, wenn die Sensorik überstrapaziert wird. Das kann temporär, aber auch ein dauerhafter Zustand sein. Durch dauerhaftes Ignorieren der äußeren Reizumgebung, kann dies zur Folge haben, dass non-verbal kommunizierende Autisten, die eigentlich eine enorme, wertvolle Sensibilität an den Tag legten, als Kleinkind umschwenken. Klassischer Weise werden sie dann zu sogenannten Low Functioning Autisten, so etwa im Alter von 2-3 Jahren. Geboren sind sie aber nicht so, sie haben erst nach vielen rücksichtslosen Erfahrungen "zu sprechen aufgehört" oder "gar nicht erst angefangen", "spielt nicht mehr", "haben sich nicht mehr für Bücher und ihre Umwelt interessiert".
 
Man straft den Fremdkörper Autismus
 
Irgendwann schlagen, beißen, treten sie nur noch und starren im Wechsel die Wand an und zeigen Eigenschaften wie: Alles essen, was in der Umgebung ist, krampfartiges Festhalten an etwas, den Kopf gegen die Wand schlagen etc. Lamentierende, überbenutzte und unklar formulierte Sprache überfordert sie, wodurch die Kommunikationsfähigkeit dieser Autisten heruntergefahren wird.
 
Es heißt dann, das sei der Autismus.
 
Dass es sich aber um einen umweltbedingten Mechanismus handelt, kann niemand so richtig wahrnehmen oder verstehen. Vielleicht auch manchmal bewusst nicht einsehen, weil man sich dann selbst oder das geschaffene Umfeld auch als Störfaktor erkennen müsste? Manche Autisten kommunizieren fast ausschließlich non-verbal, obwohl sie intellektuell alles verstehen.
 
Nicht-Autisten werden zur eigentlichen Behinderung
 
Wenn Autisten Ausrufe wie "Stop!", "Raus!", „Bla bla bla!" oder "Schluss!“ von sich geben, werden sie oft fehlinterpretiert. Manch Einer fühlt sich dabei vor den Kopf gestoßen, da er eigentlich selbst hilfebedürftig wäre, gleichwertige Kommunikation richtig zu lernen. Warnsignale werden durch solche selbst bedürftigen "nicht behinderten Menschen" nicht wahr genommen und dadurch selbst zu einem weiteren Störfaktor. Sie verursachen aufgrund der Empathieunfähigkeit gegenüber Autisten oft unlösbare Konfliktsituationen. Für Autist/inn/en ist dies fatal, sie schirmen sich ab und ab einem gewissen Grad der Überlastung bekommt der Autist nicht mehr mit, wenn er sich vor Schreck heißen Kaffe übergießt oder das Radio unerträglich laut dreht. Erst wenn die Reize entfernt werden, kann der Autist wieder handlungsfähig werden. Deshalb nennt man unempathische, selbst bedürftige Menschen in diesem Zusammenhang eine „Barriere“, wie das ebenso der Schall aus einem Radio sein kann.
 
Abgestempelt und von Natur aus beschränkt
 
Von außen bescheinigt man diesen Autisten dann gerne Desensibilität oder gar Intelligenzlosigkeit. In Wahrheit resultiert diese Beeinträchtigung aber aus überanwesender Sensibilität gegenüber Schall und unempathischen, groben Menschen die zu wenig Distanz wahren - nicht aus fehlender. Daher auch das ewige Falschurteil mit der angeblich verarmten - oder noch schlimmer, gar fehlenden Empathie. Das Schlimme an dieser Wahrnehmungsmanipulation ist, dass viele Autist/inn/en beginnen, selbst an diese hausgemachten Defizite zu glauben. Wer sich unfähig fühlt, stellt Weiterentwicklungsmechanismen ein.
 
Was nicht passt, wird passend gemacht
 
Neuroleptika, Sedativa und Konditionierung stehen ab da an mit Umerziehung an der Tagesordnung. Medizinisches Behinderungsmodell, zur Verhinderung von Behinderung. Die/der Autist/in soll jetzt bitte funktionieren und ein normales Leben führen, sich aber auch bitte nicht aus den Rahmenbedingungen lösen. Eine ganze Finanzmaschinerie baut sich auf dem Rücken dieser Menschen auf. Würde statt dessen das soziale Behinderungmodell angewandt und jene Schritte der Enthinderung gegangen, an dem alle Verantwortlichen beteiligt sein müssten, wäre das Kind noch immer: - am Sprechen / Spielen / Bücher Ansehen / Laufen / Lernen / sich Entwickeln und nicht in einem solch schlechten Zustand der nervösen Erschöfpung.
 
Keine Neuigkeit
 
Seit Autisten erforscht und öffentlich diskutiert werden, vernimmt man die Ursachenkomponente einer zu lauten, zu schnellen, zu gewaltbereiten Welt. Bis dann Jemand mit dem Vorschlaghammer "Mittelalter" kommt. Im Mittelalter haben Menschen anderer Neurologien meistens positiv bevormundet gelebt. Fälle von "im Brunnen ertränkt" oder "in der Scheune eingesperrt" sind keineswegs der Regelfall gewesen. Überlieferungen zeigen, dass sie ebenso wie heute als "Dümmlinge" betitelt wurden, dennoch kostenlos mit täglichen Speisen , Kleidung und sogar Häusern beschenkt wurden, weil man sich unfähig sah, sie in gesellschaftlich genormte Tätigkeiten einzugliedern. Kein Nacharmungsmodell und doch funktioniert der Integrationssektor bis heute noch so. Ersatzleistungen durch Ämter und Firmen statt Lohn, ohne Chancen auf Weiterentwicklung und Entscheidungsfreiheit.
 
{Ironie an}
Beschränkt ist der, welcher sich nicht für Beschränkung entscheidet - nicht Jener, der die Möglichkeiten beschneidet.
Der gemeine, laute, gewaltbereite Ellenbogen-Mensch von heute, ist nicht verantwortlich. Der seelisch Beschränkte ist einfach zu zerbrechlich. Punkt.
{Ironie aus}
 
Die Sinne an zwei Beispielen
 
Für viele Autisten ist die Wahrnehmung der Welt, als wäre jeder Ort ein Wimmelbild der 5 Sinne. Manch einer erfasst ganz in Ruhe jedes kleine Detail, um das Bild in Gänze wahrzunehmen. Dadurch wirkt es manchmal etwas langsam, dafür ist das Erleben aber sehr intensiv in der Wahrnehmung. Hinterher ist jedes Detail bekannt, der Geruch, die Bilder, wie es sich anfühlt,... Es geht nicht darum möglichst schnell möglichst viel zu sehen. Es geht darum sich auch die Zeit zu nehmen, für das was man erlebt. Es gibt auch einige Autisten, die das Ganze an sich nicht so wichtig finden. Dafür spezialisieren sie sich auf die 1000den Pflanzen und kennen eine jede Art. Ein Wald kann auf verschiedene Weisen betrachtet werden. Der Wald an sich als Ganzes, oder als eine Ansammlung von 1000 Blumen, 597 Sträuchern, 98 Pilzen, 2 Schmetterlingen, 5 Eichhörnchen und 10 Mücken, oder als 1 Blume am Fuße eines Baumes und man vergisst für eine Weile alles um sich herum... Es lässt sich jede Blume erforschen und bestimmen, eine jede Kleinigkeit kann bis ins Kleinste bestaunt werden, jede Vogelstimme kann man einem Tier zuordnen, der Waldboden fühlt sich überall verschieden an, verschiedene Beeren und Pilze schmecken alle unterschiedlich und der Wald riecht anders ob bei Regen oder Sonne. Es ist gut sich darauf zu konzentrieren und sich Zeit zu nehmen, intensiv zu Leben.  
 
1. Tastsinn
 
Wenn man einmal die Augen schließt und Dinge berührt, wird besonders deutlich wie verschieden sich Oberflächen anfühlen. Die ganz besonders intensive Wahrnehmung beim Berühren von Gegenständen und Untergründen wird dadurch sehr deutlich. In manchen Museen und Ausstellungen gibt es "Fühlkisten", wo dies ausgenutzt wird. Anhand der Struktur, der Konsistenz sowie der Beschaffenheit in Größe und Form kann man etwas "begreifen". Bei manchen Autisten ist dieser Sinn ganz besonders gut ausgebildet. Er arbeitet selbst dann hoch effektiv, wenn nicht extra eine Fühlkiste aufgestellt wird. Dadurch wird es möglich sehr viele Unterschiede zu erfassen, sowie für sich auszuloten, was besonders angenehm oder auch unangenehm ist. Als Folge davon wird dann vielleicht ein Biberbettbezug ganz besonders bevorzugt, ein Satinbettbezug hingegen als viel zu "glatt" empfunden, oder auch umgekehrt. Welche Vorlieben im Leben enstehen ist von Mensch zu Mensch völlig verschieden. Gemeinsam ist hier allerdings, dass diese hohe Sensibilität im Tastsinn häufig eine starke Reaktion zur Folge hat. Wird nun etwas berührt, das äußerst unangenehm ist, so kann das bis zu einem Brechreiz führen. Das hat an sich jeder, irgendwann ist der Punkt erreicht, bei dem ein Gefühl des Ekels entsteht. Manche haben dies früher, wie bei einem Tierfell, das an eine Ratte erinnert, oder bei dem Gefühl von etwas, das Spinnenbeinen gleicht. In der Hochsensiblität dieses Sinnes braucht es dafür dann aber diese bewusste Assoziationen gar nicht. Hat ein Fußboden oder ein Griff eine bestimmte Plastikstruktur, wird das dann abgelehnt, ebenso wie Mikrofaserputztücher und vieles mehr, je nachdem was demjenigen unangenehm ist, ohne das bewusst wie einer Spinne zuordnen zu können. Die Frage Warum bleibt somit häufig unbeantwortet, weil dies im Unterbewusstsein geschieht.

Zum Glück ist aber unsere Welt so vielfältig, dass man nicht genau den einen Putzlappen hernehmen muss, sondern einfach eine andere Marke wählen kann. Bei hoher Sensibilität des Tastsinnes, ist dies dann auch dringend notwendig, da sonst die Lebensqualität deutlich darunter leidet. Es hat in der Regel ebenso wie die Assioziation mit einer Spinne einen Grund für die Ablehnung. Es reicht z.B. ein ganz geringe Unverträglichkeit eines bestimmten Stoffes gegenüber und der Körper meldet durch die Sensibilität dann sehr deutlich, dass man dies besser meidet, weil es schädlich wäre. Die Achtsamkeit auf sich selbst aufzupassen wird dadurch wesentlich erleichtert. Es ist sehr häufig eine äußerst nützliche Fähigkeit. Es ist zudem das Lebensgefühl mit angenehmen Gegenständen dann ebenfalls ganz besonders deutlich ausgeprägt und ein neues Kuscheltier, Bettbezug oder im Auto ein Lammfelllenkradbezug erscheinen wie Weihnachten und Ostern zusammen. Mit Achtsamkeit eine angenehme Lebensumgebung zu schaffen ist auf jeden Fall hier von äußerst großer Wichtigkeit und führt zu einer großen Bereicherung im Leben.
 
2. Sehen

Hier am Beispiel eines Bachlaufes im Wald möchten wir einladen zu verweilen. Geht man lediglich daran vorbei, wie noch beim ersten Bild, könnte man einfach weiter gehen. Oder wie am zweiten Bild - in Ruhe - stehen bleiben und wahrnehmen, erkennen, dass es mehr zu entdecken gibt. 
 
 

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